Martina Seifert, Schottland, Essay

Ceud Míle Faìlte - Ein Hohelied auf Schottland

Dem Gartenzwerg im Vorgarten verschwörerisch zuzwinkernd waschen wir gern unser Auto, treffen uns pünktlich zum Mittagessen bei Wurscht, Sauerkraut und Kartoffeln und begießen unseren Pessimismus mit einem Maß Bier. Fleißig, wie wir sind, schaffen wir den lieben langen Tag, bauen Häusle und schauen neidisch auf des Nachbars Glück, um abends erschöpft vor dem Fernseher dem Fußball oder der deutschen Volksmusik zu frönen.

Es gibt der Bilder viele, die man sich von den Deutschen macht. Und so ergeht es wohl oder übel jedem Volk: Der Brite bewaffnet sich mit Regenschirm und Melone, der Franzose trägt schwer an seinem Baguette und der Amerikaner erscheint, wenn nicht in Cowboystiefeln und -hut, mit Zylinder und amerikanischer Flagge. Auch die Schotten bieten genügend Anreiz für Nationalstereotype: geizig und im karierten Rock singen sie gern heroische Lieder, spielen Dudelsack und trinken Whisky. In ihrer Freizeit beschäftigen sie sich mit Tauziehen, stemmen Steine oder werfen Baumstämme durch die Gegend.

Was wir wechselseitig über uns zu wissen glauben, sind zum größten Teil Klischees, die meist so wenig mit der Realität zu tun haben, wie die Schwarzwaldklinik mit einem echten Krankenhaus. Trotzdem ist in vielen Fällen auch ein klitzekleines Körnchen Wahrheit dran.

Auch wenn nur noch wenige Schotten einen Kilt tragen, zu gegebenem Anlass wirft sich der eine oder andere gern in Montur. Und so wie wir zum jährlichen Oktoberfest in die Lederhose schlüpfen und durch Münchens Straßen ziehen, so zeigt sich auch der Schotte zu bestimmten Gelegenheiten in der Princess Street in Edinburgh gern in seiner Nationaltracht.

Die Liebe der Schotten zu ihrer Tradition und Freiheit scheint ungebrochen. Selbst nach drei Jahrhunderten Zugehörigkeit zu Großbritannien beziehen sie sich in ihrem Selbstverständnis auf mittelalterliche Freiheitskämpfer wie William Wallace alias "Braveheart", "The unforgotten Scottish Hero" und keltische Urahnen mit ihren Clans und Bräuchen. Schotte bleibt eben Schotte, selbst wenn er wie Sean Connery nicht mehr in seiner Heimat lebt. Und gerade diese spezielle Mischung, eine gelungene Mixtur aus globaler Weltkultur und gelebter Eigenart, macht uns die Schotten so liebenswert.

Doch das wunderbare Land am Rande Europas hat noch einiges mehr zu bieten. Als eingefleischter Schottland-Fan weiß man neben den fjordartigen Küstenlandschaften, wo sich schroffe und hohe Steilküsten mit weißen Sandstränden abwechseln, das raue Highland zu schätzen - eine der letzten wilden und nahezu unberührten Regionen Europas. Die ungeheure Weite der endlosen, mit blühender Heide bestandenen Hochmoore und die mit einer bizarren Mondlandschaft vergleichbaren Gebirgszüge begeistern seit Jahren viele Touristen.

Und selbst wenn uns Regen und Kälte die Lust am Baden oder Wandern verderben sollten - zahlreiche Museen, alte Schlösser und viele Destillerien laden zum Besuch ein, und die sprichwörtliche Großzügigkeit und Gastfreundschaft der Schotten ermuntert zur Einkehr in einen der gemütlichen Pubs, um gemeinsam mit Einheimischen bei einem Gläschen "Single Malt" am knisternden Kamin über Schottenröcke, Dudelsäcke, Lederhosen und Sauerkraut zu lachen.

© Martina Seifert, 2009  auf  Geizkragen.de veröffentlicht