PRANAYAMA

Atemübungen

Die Luft geht durch mich wie durch Luft. Atem. Ununterbrochene Luftlitanai. (Rose Ausländer)*

Pranayama - Yoga und Atmung

Pranayama (Sanskrit: prāṇāyāma) beinhaltet den Begriff Prana, der so viel bedeutet wie Lebensenergie, die Energie, die das gesamte Universum erfüllt. Ayama heißt übersetzt Ausweitung, Ausdehnung, aber auch Kontrolle, Steuerung. Daneben bezeichnet es das freie, nicht willentlich gesteuerte Fließen. Zusammengenommen bezeichnet Pranayama die bewusste Zusammenführung von Körper und Geist über den Atem.

 

Der indische Yogalehrer und Begründer des Iyengar Yoga, B. K. S. Iyengar, schreibt dazu Folgendes:
„Prana wird dem wahren Selbst gleichgesetzt. Es ist der Lebenshauch aller Wesen im Universum. Durch ihn werden sie (die Weisen) geboren und leben von ihm, und wenn sie sterben, so löst sich der Hauch jedes Einzelnen in den kosmischen Hauch auf. Prana ist die Nabe im Rad des Lebens. In ihm hat alles seinen Grund. Er durchdringt die lebensspendende Sonne, die Wolken, den Wind, die Erde und alle Formen der Materie.“ (B.K.S Iyengar, Licht auf Pranayama. Das grundlegende Lehrbuch der Atemschule des Yoga. Bern, München, Wien, 2004)

 

Prinzipien des Pranayama

Die Prinzipien des Pranayama sind laut dem Hatha-Yoga-Pradipika zum einen Reinigung und zum anderen Selbstfindung. Um ein Bewusstsein für Pranayama zu schaffen, lernen wir zunächst unseren Atem zu beobachten, ohne diesen zu kontrollieren, zu beeinflussen oder zu bewerten. Gar nicht so einfach, denn uns bestimmen zwei Rhythmen, die gegeneinander arbeiten: der sehr schnelle Rhythmus des Mentalen und der des Körpers, zu dem auch der Atemrhythmus zu zählen ist und der deutlich langsamer ausfällt als sein Gegenspieler.

Aufgrund der Reizüberflutung, der unsere Sinne tagtäglich ausgesetzt sind, dominiert in der Regel der Rhythmus des Mentalen. Bisweilen kann der Rhythmus unseres Körpers nicht mehr mit der Schnelligkeit des Mentalen mithalten. Der Atem wird flach, schnell und unregelmäßig und der Körper krank.

Atembeobachtung und -lenkung

Um den Atem zu beruhigen und zu vertiefen, müssen wir erst einmal lernen, uns bewusst auf ihn einzulassen. Dies geschieht zunächst über die Atembeobachtung, – ein Lernprozess, der über Jahre dauern kann. Durch die Beobachtung des Atems verlangsamt sich dieser bereits und wird tiefer. Die Pranayama Übungen im Yoga schaffen ein immer größeres Bewusstsein für Pranayama – die Verbindung von Körper und Geist. Dabei wird unterschieden zwischen sehr einfachen Atemübungen und Übungen für Fortgeschrittene. Zu den einfachen Atemübungen zählen das unterbrochene Einatmen, das Dehnen des Zwerchfells in der Rückenlage, das Atmen mit Hilfe von Zähleinheiten und das stufenweise Atmen. Die fortgeschrittenen Atemübungen sind Ujjayi (siegreiche Atmung), Kapalabhati (Feueratem), Nadi Shodana (Wechselatem), Anuloma Viloma, eine Weiterführung von Nadi Shodana, Nirbija-Pranayama-Kriya, die Lungenreinigungsatmung, sowie die volle Yoga-Atmung.

Atmung und Körperfunktionen

Wissen Sie, dass wir in 24 Stunden rund 23.000 Atemzüge tun, während ein tibetischer Mönch in der Regel mit nur 3.000 auskommt, also stündlich 125 Zügen?

Obere und untere Atemwege
Anatomisch wird die Atmung in die oberen und unteren Atemwege unterteilt. Zu den oberen Atemwegen zählen die Nase sowie der Mund- und Rachenraum. Die Luftröhre sowie die fünf Lungenlappen bilden die unteren Atemwege. Rippen und Brustbein umhüllen schützend die Lunge, während die Halsschlagader und das Atemzentrum im unteren Rückenmark die Atmung steuern.
Die Atemmuskeln
Für die Ein- und Ausatmung sorgen die Atemmuskeln, die unterteilt sind in die Hauptatemmuskeln und die Atemhilfsmuskeln. Zu den Hauptatemmuskeln zählen das Zwerchfell und die inneren und äußeren Zwischenrippenmuskeln. Die Atemhilfsmuskeln setzen ein, wenn sich die Atmung intensiviert. Zu den Hilfsmuskeln gehören u. a. der kleine und große Brustmuskel, der vordere Sägemuskel sowie der Kopfwender. Bei der Ausatmung sorgen insbesondere die Bauchmuskeln, der große Lendenmuskel (Musculus psoas major; auch: „Muskel der Seele ) und der breite Rückenmuskel für Unterstützung.
Nasenatmung
Und warum atmen wir vorzugsweise durch die Nase? Da zwischen der Nase und der Aktivität des Zwerchfells ein direkter Zusammenhang besteht, ist die Nase das Organ, das im eigentlichen Sinne für die Atmung bestimmt ist. Das Atmen durch den Mund ist lediglich eine Notlösung. Außerdem wird die durch die Nase einströmende Luft gefiltert, erwärmt und angefeuchtet. Hinzu kommt, dass die Naseneingänge weniger Platz als der Mund bieten. Dadurch erhöht sich der Unterdruck im Brustkorb und der Atem vertieft sich. Im Yoga heißt es zudem, dass bei der Atmung durch die Nase mehr Prana (Lebensenergie) aufgenommen werde.

Nasen-Zyklus
Unter Pneumologen gilt es als erwiesen, dass wir vorwiegend nur durch ein Nasenloch einatmen. In Intervallen von einer oder auch mehreren Stunden wechseln die beiden Naseneingänge einander ab, damit sich die Nasenschleimhaut regenerieren kann. Dieser Effekt ist bereits seit 1895 bekannt. Richard Kayser, Arzt in Breslau, erwähnte den sogenannten Nasen-Zyklus in seiner AbhandlungDie exacte Messung der Luftdurchgängigkeit der Nase.” (Arch. Laryng. Rhinol. (Berl.) 8, 101 (1895).

 

Historischer Abriss - Atem im Yoga

Die besondere Beachtung des Atems im Yoga zeigt sich unter anderem in den zahlreichen Atemtechniken. Erste Hinweise auf diverse Atemübungen im Hinduismus finden sich in einer der vier Veden, dem Atharvaveda. In dem sogenannten Vratya Buch (AV. 15.) werden insgesamt 21 Atemarten benannt. In diesem Zusammenhang wird der besondere Umgang mit Vayu (deutsch: Wind) beschrieben, einem Synonym für den Atem, der zur Ekstase und Götterschau führen soll. Laut Uwe Bräutigam soll es sich dabei um frühe schamanische Atemübungen handeln (Uwe Bräutigam: Kurze Geschichte des Pranayama, in Viveka, Hefte für Yoga 35 (2005)).

Auf die Veden gehen auch die sogenannten Dharmasutras (6. Jh. v. Chr) zurück, die wiederum den einzelnen Veda–Schulen zugeordnet sind und deren religiöse Gesetze und Rituale enthalten. Allerdings erscheint auch in diesen Texten Pranayama noch nicht als eigene Technik, sondern lediglich als Teil komplexer ritueller Handlungen. Betont wird in diesem Zusammenhang laut Bäumer das Anhalten des Atems.

Auch in den Dharmasmrtis, die sich an die Dharmasutras anschließen, bildet Pranayama nur einen geringfügigen Teil eines Rituals - mit dem Unterschied, dass Pranayama hier bereits eine eigenständige Position einnimmt und, verbunden mit der Rezitation bestimmter Mantras (z. B. das Mantra: OM), eine große reinigende Kraft zugesprochen wird. Dieses rituelle Konzept des Pranayama als wirksame Reinigungsübung soll, so Bäumer (s. o.), in den Hatha-Yoga eingeflossen sein.

Nach vielen weiteren Etappen in der Geschichte des Hinduismus entwickelt sich Hatha Yoga im 10. Jahrhundert zur vorherrschenden Tradition des Yoga, in dem Pranayama eine zentrale Stellung einnimmt. So heißt es in der Hatha-Yoga-Pradipika : Ist der Atem bewegt, ist auch der Geist bewegt, kommt der Atem zur Ruhe, beruhigt sich auch der Geist.” (HP 2.2.).

Pranayama hat sich sukzessive zu einer Methode im Hatha-Yoga entfaltet, die den Geist zur Ruhe bringt. Es bildeten sich weitere Atemübungen wie Ujjayi oder Nadi Shodhana, die den Atem harmonisieren und vertiefen. Zudem wird Pranayama eingesetzt, um die Energiekanäle (Nadis) zu reinigen. Neben dem Hauptanliegen, den Geist zu beruhigen, zielt Pranayama aber auch auf gesundheitliche Aspekte ab. So lautet es in der Hatha-Yoga-Pradipika: Durch die Praxis des Pranayama werden alle Arten von Krankheiten beseitigt.“ (HP 2.16)

Meditierender Buddha

Buddha und der Atem

Im Buddhismus nimmt der Atem ebenfalls eine zentrale Rolle ein. Äußerst bedeutsam sind die vier Achtsamkeitsübungen des Buddhas zum bewussten Atmen (anapana), die im Anapanasati Sutta erörtert werden und im Pali-Kanon, der ältesten, zusammenhängend überlieferten Sammlung der Lehrreden des Buddha Siddhartha Gautama, zu finden sind.

Die vier Grundübungen der Achtsamkeit (satipatthanas) lauten:

  • 1. die Betrachtung des Körperlichen (kayanupassana),
  • 2. die Betrachtung der Gefühle (vedananupassana),
  • 3. die Betrachtung des Bewusstseins (cittanupassana)
  • 4. die Betrachtung der Geistobjekte (dhammanupassana)

Eine der wichtigsten Atemübungen, um die vier Vertiefungen (Pali: Jhanas) in der Meditation zu erreichen, ist „Die Achtsamkeit auf Ein- und Ausatmung”. Eine ausführliche Beschreibung disere Atemübung findet sich in der Anapanasati Sutta: Achtsamkeit auf Ein- und Ausatmung, ... , bringt hohen Lohn und Segen... Da, ... , begibt sich der Mönch in den Wald, an den Fuß eines Baumes oder in eine leere Behausung. Dort setzt er sich nieder, mit untergeschlagenen Beinen, aufgerichtetem Körper, die Achtsamkeit vor sich geheftet. Achtsam atmet er ein, achtsam atmet er aus.”

Spezielle Atemtechniken finden sich nicht nur im Buddhismus und Hinduismus, sondern auch in anderen religiösen Traditionen wie dem Schamanismus oder auch in der muselmanischen und christlichen Mystik.

 

 

*Rose Ausländer: Gesammelte Gedichte. Hrsg. von Hugo Ernst Käufer i.Z.m. mit Berndt Mosblech, Seite 279; Literarischer Verlag Braun, Leverkusen; 1976